Einsam oder alleine? Diese Begriffe werden oft synonym verwendet. Alleinsein ist ein objektiver, neutraler Zustand, der nicht zwingend mit Einsamkeit zu tun hat. Wir wählen ihn oftmals sogar bewusst als Rückzug um uns zu erholen, Abstand zu gewinnen, den Akku aufzuladen, die Aufmerksamkeit nach innen zu lenken und nachzudenken. Anders ist es bei der Einsamkeit, die unfreiwillig ist. Bei ihr fehlt das Gefühl von echter sozialer Verbindung und es entsteht ein Gefühl innerer Verlassenheit. Sie fühlt sich tief und bedrückend an und und kann Körper und Seele aushungern. Wir alle sehnen uns nach Verbindung, Anerkennung, Zugehörigkeit und Resonanz. Das erfahren wir nur im Kontakt mit anderen. Doch nicht nur wenn man alleine ist, sondern auch wenn man umgeben ist von Menschen, kann sich einsam fühlen. Man fühlt sich nicht dazugehörig, fremd, ausgeschlossen, wie ein Alien, das nicht dazupasst. Oftmals ist das noch schlimmer zu ertragen als wenn man alleine ist. Selbst in einer Partnerschaft kann man sich einsam fühlen. Die Bedürfnisse verhallen scheinbar im Leeren, tiefere Gespräche und gemeinsame Aktivitäten werden seltener, die Beziehung verliert immer mehr an Lebendigkeit und der Partner scheint weit entfernt zu sein.

Einsamkeit ist für viele ein Tabuthema und man selbst gibt es nicht gerne zu und spricht nicht darüber, weil sie als persönlicher Makel wahrgenommen wird. Aus Angst als sozial inkompetent, schwach oder unattraktiv abgestempelt zu werden, trauen sich viele nicht zuzugeben, dass sie einsam sind. Um dies zu umgehen oder zu kaschieren, ziehen sie sich zurück, was die soziale Isolation und die innere Leere noch verstärkt. So entsteht ein Teufelskreis. Das Gefühl wird immer stärker und es fällt immer schwerer sich davon zu befreien.

Einsamkeit kennt kein Alter. Entgegen dem Klischee, dass Einsamkeit nur ältere Menschen betrifft, zeigt sich, dass immer mehr jüngere Menschen davon betroffen sind. Im Alter ist es der Kreis an Gleichaltrigen der schrumpft, die körperlichen Einschränkungen, die die Teilhabe am sozialen Leben einschränken und die schwächer werdende familiäre Verbindung. Die Kinder sind erwachsen, haben ihre eigene Familie und der Kontakt wird seltener. In jüngeren Jahren sind es die fortschreitende Digitalisierung, social media und Homeoffice, die die Einsamkeit begünstigen. Obwohl man ständig im Kontakt mit anderen ist, fehlt es an echten, tiefen Bindungen. Gerade social media verstärken das Gefühl der Einsamkeit. Likes ersetzen keine Umarmung und anstatt Interesse am Gegenüber zu zeigen, ist die eigene Selbstdarstellung wichtig. Perfekte „Hochglanz-Momente“ gaukeln eine Scheinwelt vor, gegen deren Perfektionismus man nicht ankommt und die immer weiter von einem selbst weg zu sein scheint. Man vergleicht sich mit den anderen, dem Perfekten, dessen Anforderungen man nicht erfüllen kann und fühlt sich dabei immer minderwertiger. „Nicht ins Bild zu passen.“ Dieses Gefühl betrifft auch oft Menschen, die nicht der Mehrheitsgesellschaft, der „Norm“ entsprechen. Man fühlt sich fremd, isoliert und nicht zugehörig, ausgelöst durch die Diskrepanz zwischen den eigen Werten, der Herkunft oder der unterschiedlichen Lebensrealität. Es fehlt der gemeinsame Nenner mit dem Umfeld. Das können abweichende sexuelle Orientierungen, Geschlechtsidentitäten oder auch der Zuzug aus einer fremden Umgebung sein.

Einsamkeit ist mehr als nur ein belastendes Gefühl. Es kann zu einem ernstzunehmenden Gesundheitsrisiko werden. Im Gehirn werden bei Einsamkeitsgefühlen dieselben Areale aktiviert wie bei physischem Schmerz. Warum nehmen wir seelische Schmerzen also nicht genauso ernst wie körperliche? Und warum gehen wir bei körperlichen Beschwerden zum Arzt, kümmern uns aber nicht in gleichem Maße um unsere psychische Gesundheit? Chronische Einsamkeit verstärkt das Risiko für depressive Erkrankungen, anhaltende Niedergeschlagenheit und Angststörungen. Und schließlich wirkt sich der seelische Schmerz auch auf den Körper aus. Das Risiko für Bluthochdruck, Herzinfarkt, Schlaganfall und koronare Herzkrankheiten steigt deutlich an. Der Körper schüttet dauerhaft vermehrt das Stresshormon Cortisol aus, was zu chronischem Stress führen kann und den Hormonhaushalt stört. Dies hat wiederum Auswirkungen auf unseren Stoffwechsel und den Schlaf. Es kommt häufiger zu Schlafstörungen, chronischer Erschöpfung und nicht selten auch zur Gewichtszunahme. Letztere wird begünstigt durch ungesündere Lebensgewohnheiten. Apathie, Antriebslosigkeit und Übermüdung führen dazu, dass man sich weniger bewegt. Stress und ein chronisch erhöhter Cortisolspiegel begünstigt die Einlagerung von viszeralem Fett, fördert also das Bauchfett. Selbst wenn man nicht mehr isst als vorher kann es zur Gewichtszunahme kommen. Zudem wird das Verlangen nach ungesundem Essen und Heißhunger verstärkt.

Was kann man also tun gegen die Einsamkeit, die nicht nur die Lebensqualität einschränkt, sondern auch gesundheitliche Risiken mit sich bringt? Der erste Schritt ist sich ihr überhaupt bewusst zu werden, denn meist besteht nur ein „diffuses“ negatives Gefühl, das nicht mit Einsamkeit in Verbindung gebracht wird. Ist man sich darüber klar geworden und kann man sie benennen (und eingestehen), kann man sich Gedanken darum machen, wie man mit ihr umgeht. Das Wichtigste ist, das Gefühl ohne Scham zu akzeptieren und sich nicht aus Angst vor Ablehnung noch weiter zurückzuziehen. Das gezielte Suchen nach Gleichgesinnten und der Austausch mit ihnen zeigt, dass man nicht alleine ist und hilft dabei weitere Schritte einzuleiten und aktiv zu werden. Auch Institutionen wie das Kompetenznetz Einsamkeit (www.https://kompetenznetz-einsamkeit.de) oder die Telefonseelsorge (www.https://www.telefonseelsorge.de) können eine erste Anlaufstelle sein. Eine geregelte, feste Tagesstruktur kann einem Halt und Sicherheit geben.

Neue Anknüpfungspunkte finden sich über Ehrenamt, Sportvereine oder lokale Initiativen. Auch Kunst-, Musik- und Bildungsangebote können Räume für Begegnung sein. Nicht zuletzt kann man auch professionelle Hilfe in Anspruch nehmen in Form einer Beratung oder Therapie. Dabei geht es in erster Linie darum, Schamgefühle abzubauen und sich frei über das Erleben äußern zu können. Schließlich können Ursachen eruiert werden und individuelle Lösungs- und Bewältigungsstrategien gefunden werden.

Was fehlt ist der offene Dialog und die Enttabuisierung von Einsamkeit. Das müsste sowohl im Großen, also in der Gesellschaft, als auch im Kleinen, dem eigenen Betroffensein, geschehen. Was man selbst tun kann, ist darüber zu sprechen und sich von Scham und Stigmatisierung zu befreien.